Arbeitsstelle für praktische Biologie


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Buch: Ankomme 24. Dezember bei Baum und Strauch - Auszug "Linde"


12- Die Linde

Wärme zerteilt die Luft und lässt angenehm eine einfühlsame mütterliche Stimme vernehmen:

"Kind und Linde - wir gehören zusammen. Seit jeher. Wird ein junger Mensch geboren, so pflanzen die Eltern einen Baum. Eine Linde. Hier bei einem Sohn, dort bei einer Tochter. Die Linde ist das Symbol der Liebe und der Fruchtbarkeit. Linde und Liebe gehören zusammen. Wie es einst Philemon und Baucis in der griechischen Mythologie in letzter Konsequenz gelehrt haben. Der Wunsch immer zusammen zu bleiben wurde durch deren Verwandlung in Bäume von den Göttern gewährt.

Aber auch in der heutigen Zeit lassen sich Beispiele finden. So war bis in unsere Zeit hinein, die Dorflinde Treffpunkt der Liebenden, Ort des geselligen Zusammenseins.

Und auch der Beratung. Die Germanen wählten für ihre Thingversammlungen und für das Gericht den Schatten des Lindenbaums.

Ich bin auch ein Ätherbaum. Freistehend und sonnengeschwängert wehe ich meinen warmen Atem in die Nasen der Erholungssuchenden, der Unkonzentrierten und Zerfahrenen, der Unruhigen. Ich bringe Sammlung und innere Ruhe.

Dem Fieberkranken bin ich ein Hort des Trostes und ein Garant für seine Genesung. Mit meinem ätherischen Öl treibe ich das Fieber aus seinem grippe- und katarrhgeschwächten Körper. Ich befördere den Schweiss hinaus und schütze ihn vor Entzündungen. Mein Ätherwesen bringt Gesundung, meine Wärme Schlaf.

Das ausgewogene Verhältnis der Bau- und Energiestoffe in meinen Blättern erschliessen mir weitere Wirkungsstätten: Ich erinnere mich noch immer gut an die Worte jenes Lehrers im Juni, der unter meinen Ästen den Schülern zurief: ‘Ach Kinder, für mich gibt es auf Erden kein schmackhafteres Mahl, als ein Lindenblatt eingeschlossen zwischen zwei dunklen Butterbroten’.

Ja, auch in Salaten, Suppen und Frühlingsrollen kann ich mich durchaus sehen lassen. Ich sorge im Frühsommer für Abwechslung mit dem feinen Knospen- und Jungblättergeschmack.

Die Verwendung meines Rindenbasts und meines Holzes sind Bestandteil des Volkswissens. Ersterer macht als Brei die Augen klar und rein und erweist sich bei Korb- und Flechtarbeiten als reissfestes Gewebe, das sich durchaus auch für Kleider, Betten und Matten eignet. Wie die Pfahlbauer schon bewiesen haben.

Das Zweite ist für den Schnitzer und Dreher. Welche Kunstwerke sind doch mit meinem Holz entstanden: Grünewald, Stoss, Riemenschneider, Barlach, um nur einige Arbeiter in meinen Diensten zu nennen. Als angenehme Überraschung bei ihrer Arbeit haben sich sicher immer wieder festgestellt: Lindenholz gibt keine kalten Hände. Die Wärme meines ätherischen Wesens schlägt durch.

Die Kohle des Holzes wiederum zeigt ausgezeichnete Eigenschaften als Zeichen- und Filtermaterial. Die Asche ihrerseits hilft bei Hautausschlägen."

"Und was bekommt das Christkind von Dir, Mutter Linde?" Die Eule scheint etwas zu vermuten.

"Was würdest Du dem Christkind an meiner Stelle anbieten" kontert der alte Baum mit den roten Knospen und Zweigen.

"Tee aus Deinen Blüten, würde ich schenken: die ätherische, wärmende Kraft gegen Erkältung und Konzentrationsschwäche", lautet prompt die Antwort.

"Siehst Du, so soll es auch sein! Ich stelle ihm ein Leinensäcklein davon bereit."

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