Arbeitsstelle für praktische Biologie


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Buch: Ankomme 24. Dezember bei Baum und Strauch - Auszug "Eibe"


16 - Die Eibe

Die Nacht liegt in ihren dunkelsten Stunden. Totenstille herrscht. Und klirrende Kälte.

"Es ist die Nacht der Wiedergeburt. Und Wiedergeburt heisst vorgängig Tod. Niemand und nichts kann ihm entrinnen. Darin liegt die Freude. Für denjenigen, der an ein Leben danach glaubt!" Langsam und bedächtig hat die Eibe ihre Worte gewählt. Dunkel und kühl formuliert. Beängstigend . Faszinierend. Eindringlich.

"Ich führe den Menschen in sein Innerstes. In sein Dunkelstes. Und sein Hellstes. Hin zum Sinn des Lebens. Ich zentriere seine Kräfte. In den Tempel des Wissens und der Weisheit. Ich bin die Hüterin der Schwelle, das Tor zum Unbewussten. Ich bin die Allee zum Tartaros.

So stehe ich in der Geschichte. Vom Gestern bis ins Heute. Als einziger giftiger Baum Europas im Dienste des Todes und des Lebens.

Bei den Ägyptern war ich Totenschrein. Bei den Germanen die Hand des Wintergottes Ullr. Bei den Kelten die Verbindung zur Anderswelt. Und mit 19683 Jahren langlebigstes Geschöpf der Erde. Unsterblich. Im Mittelalter bis in die Zeit der Feuerwaffen war ich langsam nachwachsende Waffenkammer am Burghügel. Baum des Krieges und der Krieger. Baum des Todes. Bei Hildegard von Bingen aber trotz Ernsthaftigkeit und Todessymbolik Sinnbild des Lebens nach dem Ableben.

Und immer wieder war und bin ich auf Friedhöfen anzutreffen. Als Schutz vor Hexen und Ungeistern, vor Dämonen und Vampiren. Vielerorts legte man mich gleich mit zu den Toten ins Grab. Oder stellte mich daneben. Als Galgen.

Als Abtreibungsmittel machte man aus meinen Zweigen und Rinden Tee. Oder Giftgetränke. Die Eibe als Mörderbaum. Aus meinem Holz verfertigten die Druiden Zauberstäbe.

Im Kampf gegen die Krankheit Krebs werde ich in neuester Zeit wohl eine Hoffnung für die Zukunft werden. Die Eibe als Lebensbaum.

Mein fäulnisresistentes Holz ist zu verschiedenen Zeiten verschieden verwendet worden. So stellten die Bronzezeitmenschen fast alle ihre Gebrauchsgegenstände damit her: Axtholme, Beilfassungen, Webschiffchen, Kämme. Eine richtige Eibenkultur.

Berühmt waren während Jahrhunderten meine Speere, Bogen und Armbrüste. Ich wurde aber auch zu Türpfosten, Betten und gar Trinkgeschirren verarbeitet. Heute braucht mich der Drechsler für Kegelkugeln, für Pfeifenköpfe und für Fasshahnen.

Ich gehöre zum Lieblingsmenu von Rehen und Hasen, von Amseln, Drosseln, Tannenhähern, Kleibern und Mardern. Weniger bekömmlich bin ich den Pferden.

Meine Beeren ergeben vorzügliche Desserts, Konfitüren, Kompotte und Geées für den menschlichen Verzehr. Aber Vorsicht vor meinem dunkelbraunen Kern!"

"Vielleicht lässt sich hier ein Geschenk für das Christkind finden", mutmasst die Eule.

"Ja, schon. Aber ich schenke ihm einen Bogen mit Pfeilen aus meinem Holz. Als Attribut des Herrschers über Leben und Tod. Denn dies ist das Kind letztlich." schliesst vielsagend die Eibe.

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