Arbeitsstelle für praktische Biologie


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Buch: Ankomme 24. Dezember bei Baum und Strauch - Auszug "Föhre"


19- Die Föhre

"Als Pinie, Kiefer, Dähle oder Föhre bin ich bekannt für Bescheidenheit, Anpassungsfähigkeit, Ausdauer, langes Leben, dauernde Ehe und treue Freundschaft. Ich bin aber auch Sinnbild für die christliche Kirche, für Jungfräulichkeit und himmlisches Wissen.

Als Zugehörige zu der grossen Familie der Pinaceae, der auch die Tanne und die Fichte angehören, bin ich Lebensbaum, Baum der Treue.

Ich war schon vor Zeiten Attribut von antiken Ärzten und Apothekern wie Hippokrates und Äskulap.

In Europa bin ich überall heimisch zwischen dem siebzigsten und den vierzigsten Breitengrad: von den nördlichen Tundren bis ins östliche Sibirien, von Mittelspanien bis ins südliche Griechenland.

Grund dafür ist meine stärkste Waffe im Kampf ums Dasein: meine bescheidenen Ansprüche an meine Umwelt, an Wasser und Nährstoffe. Ich bin mit wenig zufrieden. Ich ertrage viel. Sonne, Regen, Frost und Wind. Ich bin dankbar für alles, was ich man mir gibt.

Und ich gebe mir Mühe das beste aus den Gaben zu machen, die mir zufallen: Reizmittel für die Anwendung durch den Menschen, für seine Haut und seine Schleimhäute.

So liefere ich den dickflüssigen Balsam, das Terpentin, dessen Öl für Salben, Pflaster und Umschläge gegen Rheuma Verwendung findet. Das glasartige Restprodukt, das Kolophonium, ist für das Geschmeidigmachen des Geigenbogens und letzlich für die Haut der Seele des Menschen gedacht. Ich biete aber auch Nadeln, die sich als Aufgüsse, Sirup oder Honig gegen Husten und Bronchitis bewähren und die Durchblutung fördern.

Mein Holz war früher beliebt für die Herstellung von Fackeln,Teer, Wagensalben und Pech. Dafür lieferte ich Kienspäne, Kienöl und Kienruss. Heute kommt mein Holz wegen dem hohen Harzanteil vor allem in der Bauschreinerei für Fenster-, Türrahmen und Gartenmöbel zur Anwendung. Es strahlt dort eine angenehme Wärme, Ausgeglichenheit und Geborgenheit aus.

Ich bin für die Menschen der Trost in trüben Stunden. Ich habe eine enge Beziehung zu seiner Seele. Ich löse seine Trauer und seine Tränen und weine mit ihm mit, bis wir beide wieder zu Freude und Zuversicht gefunden haben. Oft ist der Grund für die ursprüngliche Trübnis des Gemütes eine innere Unzufriedenheit mit sich selber. Vielleicht auch eine chronische Überforderung seiner Ansprüche an sich und die Umwelt. Ich möchte, dass der Mensch seine Forderungen zurücknimmt, bescheidener wird und sich mit seinen Bedingungen, seinem Sein und seinem Haben, versöhnt."

"Treue, Bescheidenheit, Zuversicht", murmelt die Eule wie in Trance. "Und Dein Geschenk?"

"Ich stelle dem Christkind eine Kienfackel her. Das warme Licht soll dem Kind den richtigen Pfad leuchten und es bis zum ersten Sonnenstrahl in freundschaftliche Geborgenheit hüllen", erwidert die Föhre frohgemut.

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