Arbeitsstelle für praktische Biologie


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Buch: Ankomme 24. Dezember bei Baum und Strauch - Auszug "Schneeball"


8- Der Schneeball

"Das Stichwort ‘Erde’ ist gefallen. Damit ist wohl meine Stunde gekommen."

Der erste Strauch unter den Versammelten meldet sich zu Wort. "Als Übergang von den Planeten zu den Elementen, vom Kosmischen zum Irdischen, ist dies wohl auch von einer gewissen Logik.

Ich bin die Erde der Metaphysiker. Der sogenannte Elementeweg beginnt mit mir. Er folgt der klassischen Unterteilung des Sichtbaren nach Aristoteles in Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther.

Wir Aufgeklärten haben ja heute eine andere Vorstellung vom Aufbau der Welt. Alles ist in Zahlen fassbar, messbar und mit dem Verstand greifbar. Aber auch unsere Altvorderen setzten sich mit den Phänomenen ihrer Umwelt auseinander und versuchten sie zu erklären. Mit den Erklärungshilfen ihrer Zeit, versteht sich. Und in ihrer mystischen Vorstellung ist es nicht erstaunlich, dass sich neben Göttern auch Geister, Erdgeister, gute und böse, auf der Erde tummelten und in die Welt teilen. Das Märchen lässt grüssen.

Esoteriker bezeichnen meinen Strauch auch heute noch als Wohnung von Gnomen, Kobolden und Zwergen. Kerlchen voller Aberwitz, deren Streiche grundsätzlich niemals böse gemeint sind.

Die Stimme des Schneeballs wird lauter:

"Wenn man sie nicht missbraucht und ihrern Zorn nicht erregt! Sonst, weh dem Verruchten!"

Der kleine Strauch erschrickt an sich selbst.

"Entschuldigt, aber als kleiner, höchstens fünf Meter hoher Strauch ist es oft nötig, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Ich wachse hier unscheinbar im Wald, aber auch an Ufern und als Heckenpflanze. Im Frühjahr ist dann allerdings für mich die Hohezeit. Dann falle ich durch meine Blütenkränze auf. Räder aus wunderschönen hellweissen unfruchtbaren Blüten winken meinen Gästen, den Insekten, als Willkommenszeichen von weit her und laden sie zur Mahlzeit ein. Diese Scheinblüten umschliessen meine viel kleineren nektarreichen Fruchtblätter im Innern des trugdoldigen Blütenstandes. - Die Menschen sollten dies als Zeichen dafür nehmen, dass es sich lohnt, ab und zu auch ein Werk über Gebühr zu wagen, um das Ziel zu erreichen, das ihnen erstrebenswert erscheint.Wer viel gibt, bekommt viel, eine vergessene Weisheit? -

Die ganze Blütenpracht erweckt dann den Eindruck eines Schneeballs. Daher mein Name. Im Herbst sind die Früchte dann zu roten Beeren gewachsen, die weit herum leuchten.

Meine Beeren finden heute leider kaum mehr Verwendung. Bei rohem Genuss sind sie zwar giftig. Das stimmt. Aber bei langem Kochen können daraus leckere Sirupe und Gelées hergestellt werden. Oder feine Kompotte. Die Indianer Nordamerikas wissen diese zu schätzen.

Die Volksheilkunde und Homöopathie verwenden mich bei Unterleibskrankheiten. Vor allem bei Frauen. Bei Menstruationsbeschwerden oder Schwangerschaftsproblemen.

Bekannt sind die Gerb- und Bitterstoffe in Blättern und Rinde, aber auch Säuren, Harze und Pektin, die in ihrer Gesamtheit krampflösend, beruhigend und entzündungswidrig wirken. Aber eigentlich ist noch viel mehr da. Ein wenig Forschung würde sich lohnen.

Ach ja, als Gurgelmittel bei Rachen- und Mundraumentzündungen werde ich in jüngerer Zeit erfolgreich eingesetzt. Ein erster Schritt zu neuen Erkenntnissen?

Die Baumheilkunde kommt meinen Kräften am nächsten: ‘Sucht man eine Form der Weichheit, der Durchlässigkeit, der Hingabe, dann nähere man sich dem Schneeball’. Heisst es. Und das gefällt mir auch so.

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