24_Das Geheimnis der Linde

Eigentlich grenzt es nahezu an ein Wunder: Sie hat es geschafft: Sie ist in unserer Volksseele Baum der Bäume geworden.

Nicht die viel durchsetzungsstärkere, männliche, dem Kriegsgott Mars geweihte Eiche. Nein, die empfindliche, weiche, weibliche, im Standort- Wettkampf schnell unterliegende Linde. Lieblingsbaum von Pilzen, Bakterien und Käferlarven. Zum kurzen Leben verurteilt – und doch oftmals 1000 Jahre alt.

Und nicht nur dies: Das Lindenblatt war "immer schon" Zeichen des freien Gutsbesitzers, die Eichel dasjenige des Knechts.

Als "des Hl. Römischen Reiches Bienenweide" stand der Baum im Mittelalter unter strengem Bann. Verständlich: Honig war damals der einzige Süssstoff und Wachs brauchte es für Altarkerzen, Schreibtafeln und Siegel. Das Holz galt als heilig: Riemenschneider, Grünewald, Stoss und Barlach- sie alle gaben dem besten Schnitzholz Europas die nötige kirchliche Weihe.

Erstaunlich ist auch die Tatsache, wie stark die Linde immer wieder mit dem Schicksal der Menschen verknüpft war: Geburtsbaum, Schutz- und Orakelpflanze, Tanzbühne, Lustbaum, Gerichts- und Gemeindesaal, Sterbe- und Hexenbaum. Auf die Linde übertrug man bis ins 20. Jh. hinein Krankheiten mittels des geeigneten Spruchs - und zu Pestzeiten wurde diese an unseren Herzbaum gepflockt.

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Warum solche Ehre für eben diese Pflanze? Die Lösung dieses Geheimnisses ist eng verknüpft mit der Lebensstrategie des Ätherbaums: Ältere Linden sind alle samt und sonders hohl. Dynamisch verjüngen sich dabei von innen heraus: Oberschenkeldicke Jungwurzeln suchen sich ihren Weg durch den Holzmulm im Innern der Röhre und graben sich hinein ins Erdreich. Und wenn diese Wurzeln anschliessend selbst neue Zweige und Äste anlegen, so wächst aus der alten Linde eine junge heraus: Phönix aus der Asche – oder ewiges Leben? Für die Bildung des Mythos in einer Zeit, in der Alter und Weisheit Synonyme waren, genügte dies.

Rolf Zingg
www.factorey.ch
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