26_Sie liebt mich, sie liebt mich nicht
Sogenannte Rupfblumen waren früher nicht
nur bei den Kindern beliebt. Manch junges Mädchen, und auch
manch junger Bursche orakelte früher mit Margeriten, Gänseblümchen
und anderen Korbblütlern.
So wurde die Pflanze um Auskunft für den künftigen Beruf
angegangen: "Edelmann, Bettelmann, Bur" bei den
Jugendlichen männlichen Geschlechts, "heiraten, ledig
bleiben, Klosterfrau" bei den weiblichen. Die Alten fragten,
wie es denn mit der ewigen Seeligkeit bestellt sein: "Himmel,
Hölle, Fegefeuer".
Vor allem aber die Liebenden, wie Fausts Gretchen in Goethes Gartenszene, pflegten den Akt des Blumenrupfens: "Er liebt mich, er liebt mich nicht". Eine altdeutsche Schrift meint: "Wer Rupfblumen trägt, ungerupft, der weiss nichts besonderes an seinem Liebsten,..." In Ostpreussen orakelten die Jungfrauen: "Der Erste tut's um die Dukaten, der zweite um ein schön Gesicht, der Dritte weiss sich nit zu raten, der Vierte, weil Mama so spricht. Der Fünfte fühlt sich so allen, der Sechste will doch auch mal frein, der Siebt und Achte sind so dumm, sie wissen selber nicht warum".
Nicht nur mit Rupfblumen wollte man den Schicksal in die Karten sehen. Auch sogenannte Pusteblumen hielten dafür her. Wenn ein verblühter Löwenzahn beim Ausblasen seiner "Flugfrüchte" einen weissen Blütenboden hinterliess, war dies ein sicheres Zeichen für gut, ein auch nur annähernd schwarz verfärbter bedeutete schlecht. In gleicher Weise verfuhren auch die Bündner Bauern mit dem Entfernen der Früchte aus dem Habermark (Wiesenbocksbart).
Befragen Sie Ihr Schicksal!
Die Natur ist voller Wunder und Magie. Lassen wir uns doch bezaubern davon. Scheuen wir uns nicht davor, selber die "Lichtlein auf der Wiese" auszublasen oder eine Rupfblume zu bemühen, wenn eine Entscheidung ansteht, deren objektive Argumente weder eindeutig ein Ja, noch ein Nein erkennen lassen. Vielleicht gibt es ja gar keinen Zufall...
| Rolf Zingg www.factorey.ch |
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