29_Zaubersprüche

"Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, so seien Sie fest gefügt", heisst es in einem der Merseburger Zaubersprüche, jenem Überbleibsel mysto- germanischer Vergangenheit.
In allen traditionellen Kulturen erleben wir, dass das Sammeln und Anwenden von Pflanzen zum Zwecke der Heilung von Gebeten, Liedern und Sprüchen begleitet ist.
Die Pflanze wird dabei meist als Person angesprochen, mit der der Kranke in Beziehung gebracht wird.

Der Beifuss zum Beispiel wurde mit folgendem Zauberspruch zum Heilen aufgerufen: "Gedenke du, Beifuss, was du versprachst; was du verrichtetest als ruhmvolle Kunde. Una heissest du, älteste der Würze! Du überwindest Dreie und Dreissige, du überwindest Eiter und Anfälle, du überwindest Leidkraft, die über Land fährt."

Und beim Wegerich sang man im Zauberton: Du Wegebreite, der Würze Mutter. Nach Osten offen, nach Innen mächtig! Über dich Räder rollen, über dich Frauen fahren, über dich Bräute sich breiten, über dich Stiere stampfen. Allen widerstandest du und widerstehst du. So widerstehe Eiter und Anfällen und der Leidkraft, die über Land fährt."

Überhaupt scheint die Art, den Zauberspruch herzusagen oder herzusingen eine wesentliche Rolle zu spielen. Jede Pflanze soll dabei eine besondere "Melodie" ihr eigen nennen...

Pflücken Sie singend Ihre Heilpflanze !

Experimentieren Sie mit folgendem "Zauberspruch" der heiligen Hildegard von Bingen:

"O edelstes Grün, du wurzelst in der Sonne, strahlst auf in leuchtender Helle. In einem Kreislauf, den kein irdisches Sinnen begreift. Du bist umfangen von den Umarmungen der Geheimnisse Gottes. Du schimmerst auf wie Morgenrot! Du glühst in der Sonne Flammen! Hilf mir in meinem Leiden. Du hast die Kraft dazu – ich glaube an dich!"

Experimentieren heisst variieren: Tonlage, Melodie, Lautstärke. Aber Vorsicht! Es könnte sein, dass Sie die Welt neu entdecken!

Rolf Zingg
www.factorey.ch
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