36_Das Tier in der Pflanze

Im blühenden Pol berührt die Pflanze die Tiersphäre. Wie ein tierischer Organismus hat die Blüte kein Lebensgrün. Sie sitzt wie ein bunter Schmetterling oder ein schillernder Käfer auf der Pflanze und ernährt sich von der Kraft der grünen Teile. Die sonst ganz nach aussen gerichtete Pflanze versucht sich ansatzweise ein tierhaftes Hohlorgan zu bilden. Ganz besonders ist dies bei den Lippenbüten gelungen. Sie haben ein klares Vorn und ein Hinten. Wenn man sie mit Wachs ausgiesst, hat der Abguss die Form eines Bienenköpfchens.

Das Tierhafte der Blüten äussert sich auch in einem speziellen Stoffwechsel, der Verbindungen erzeugt, die sonst nur Tiere hervorbringen: Sexualhormone, Düfte der Verwesung, um Käfer und Schmeissfliegen anzulocken, aber auch Nervenbotenstoffe und Nebennierenhormone sind zu finden.

Verschiedene Pflanzen ernähren zudem ungeniert von Tierkadavern.

Tierhaftigkeit finden wir auch in Bewegungen. Die Blütenblätter der Tulpe öffnen und schliessen sich mit der Tageszeit. Kriecher, wie die Gundelrebe wandern mittels ihrer Auslläufer zu Standorten, an denen sie bessere Bedingungen vorfinden. Wenn ein Insekt die Staubblätter der Zimmerlinde berührt, so schnellen diese hoch. Manche Staubbeutel, wie die der Brennnessel explodieren förmlich. Bei der Verbreitung ihrer Samen werden die Pflanzen noch erfinderischer, denken wir nur an das Rühr-mich-nicht-an.

Machen Sie "Jagd" auf die Tiere der Pflanzen!

Gehen Sie mit offenen Augen durch die Natur. Schauen Sie sich die Spinnenhaftigkeit eines stinkenden Storchschnabels einmal genauer an. Verfolgen Sie das Öffnen der Nachtkerze exakt ½ Stunde nach Sonnenuntergang. Beobachten Sie das Entstehen einer Galle an einem Eichenblatt . Spüren Sie dem Verwesungsduft eines Aronstabs nach oder dem lockenden der meisten Blütenpflanzen. Fassen Sie bewusst wieder einmal eine Brennnessel, die das Bienen"gift" Ameisensäure enthält, an. Imker haben kein Rheuma...

Rolf Zingg
www.factorey.ch
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