B14_Der Weltenbaum

In der germanischen Sage wird die Weltenesche Yggdrasil als der schönste und heiligste aller Bäume beschrieben. Diese stattliche Pflanze trägt die Welt. Ihre Zweige breiten sich über den Himmel aus bis zur Erde. Sie verbinden das Götterland mit dem Menschenland und beide mit der Unterwelt. Auf drei Wurzeln steht der hochaufgerichtete Stamm und unter jeder von ihnen entspringt ein Quell. Der erste ist das Wasser des Werdens. Aus dem zweiten trinkt das Gedächtnis sein Wissen um die Geheimnisse der Welt. Der dritte, ist der Quell des Schicksals. Er wird Urdbrunnen genannt.

Viele Gefahren bedrohen den Baum. Auf seinen Zweigen weidet die Ziege Heidrun. Vier Hirsche beissen ihm die jungen Schösslinge ab und unter seinen Wurzeln nistet der Neiddrache Nidhöggr. Er und andres Schlangengewürm benagen Yggdrasil ständig. Fehde herrscht zwischen dem Adler auf den höchsten Ästen, der um viele Dinge weiss, und dem Drachen in der Tiefe. Und ein Eichhörnchen raschelt am Stamm auf und nieder und trägt dem einen ständig zu, was der andere sagt – unaufhörlich neuen Zwist in der Welt säend.

Und doch grünt der Baum und wird grünen bis zur Götterdämmerung, denn er steht im Schutze der Nornen, der Schicksalsgöttinnen.

Vernehmen Sie das Rauschen des Schicksals!

Der Baum heisst auch Massbaum, weil die Weltenachse als das Mass aller Dinge angesehen wurde. Nicht die "Gebote" einer von Menschen erfundenen "Religion" waren unseren Ahnen Richtschnur ihres Handelns, sondern eine zwar unsichtbare, aber in ihrer Wirkung wahrnehmbare Himmelsachse, eine Naturkonstante, letztendlich "die Natur" selbst setzte den Massstab. Zum Sinnbild dieser Gegebenheit nahmen sie eben diesen Baum, die Esche.

Denken wir an diese Zusammenhänge, wenn wir wieder einmal bewusst dem Rauschen des Schicksals in den Zweigen dieses stolzen Holzgewächses lauschen.

Rolf Zingg
www.factorey.ch
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