B25_Der Sonnenwendgürtel
Heute, am 21. Juni, erreicht die Sonne, unsere grosse Lebensspenderin, ihren höchsten Stand. Seit jeher feierte das Landvolk mit und sammelte heilkräftige und zauberwidrige blühende Kräuter: Johanniskraut, Arnika, Kamille, Frauenmantel und Margheriten. Auf den Höhen loderten während der kürzesten Nacht riesige Freudenfeuer. Tänzerinnen und Tänzer umgürteten sich mit Beifusszweigen und flochten Blumen und Gundelrebenkränze in ihr Haar. Oft verbrachten sie zudem die Nacht auf einem Liebeslager aus Beifuss, denn dieses Fest diente dem Leben und der Fruchtbarkeit. Der aus Beifusswedeln geflochtene Gürtel wurde anschliessend mit Zaubersprüchen in die Glut geworfen.
Was war der Beweggrund für dieses Treiben? Das Mittsommerfest war ursprünglich das Liebesfest der Erdgöttin und ihres Gefährten, des Gewittergottes, der die Scholle befruchtet und heiligt. Er besass einen Machtgürtel, mit dem er seine Kraft verdoppeln konnte. Das ausschweifende Feiern war lediglich das freudige Teilhaben an der Potenz des Himmelgottes mit seiner Erd- und Vegetationsgöttin, die sich unter anderm auch in einer guten Ernte äusserte.
Der Beifuss vermittelte den Lenden die Kraft eines Donnergottes und öffnete den heiligen weiblichen Schoss. Dieses Kraut liess sich also bestens für den Liebeszauber verwenden. Man sagte, die Liebe würde "heisser", wenn sich die Frau Beifuss an den Schenkel bände. Noch im ausgehenden Mittelalter hören wir von Mattioli: "Unter Bett oder Kissen gelegt bringt Beifuss unkeusche Begierde".
Sammeln wir den Beifuss!
Der Tee aus Beifuss ist heute eher bei Appetitmangel, Blähungen, Magen- und Darmkrämpfen angesagt. Auch fördert er die normale Monatsblutung. In das Kopfkissen gepackt hilft das Kraut bei Schlafstörungen. Der Duft wirkt beruhigend auf das Zentralnervensystem und: Zwischen die Wäsche gelegt vertreibt er problemlos die Motten.
| Rolf Zingg www.factorey.ch |
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